So long, my Son
10 Jahre Winterkino - 2017 spielten wir eine Filmserie zum Thema "Familie". Dieser berührende Film passt ebenfalls in diese Reihe.
«Wir warten darauf, alt zu werden.» Ein bitterer Satz, der die Lebenswahrheit von Yaojun und seiner Frau Liyun in knappen Worten zusammenfasst. Einst waren sie eine glückliche Familie, bis ihr Sohn beim Spielen am Rückhaltebecken eines Staudamms ertrank. Yaojun und Liyun verlassen die Heimat, tauchen in die grosse Stadt ein, wo sie niemand kennt und sie nicht einmal den Dialekt der Einwohner verstehen. Auch Adoptivsohn Liu Xing bringt nicht den erhofften Trost. Trotzig verweigert er sich den fremden Eltern und verschwindet eines Tages ganz. Immer wieder werden die Eheleute von ihren Erinnerungen eingeholt und kehren schliesslich an den Ort der verlorenen Hoffnungen zurück.
Das Familienepos umschliesst drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte. Privates und politisches verschmelzen, das Individuum gerät ins Getriebe einer Gesellschaft im permanenten Wandel. So führt der Film vom Aufbruch nach der Kulturrevolution in den 1980er-Jahren bis in den prosperierenden Turbokapitalismus der Gegenwart und ist dabei Zeitkritik und Melodram zugleich. In grossen Tableaus macht er die tiefen Narben unter der Oberfläche einer scheinbar bruchlosen Erfolgsstory sichtbar.
Für das Drehbuch und die Regie des Dramas So Long, My Son, das zu Beginn des Jahres an der Berlinale uraufgeführt wurde, zeichnet sich der Chinese Xiaoshuai Wang verantwortlich. Der 53-Jährige, der im Laufe seiner Karriere immer wieder von der Zensur betroffen war und in den 90er-Jahren zum ersten Mal auf die schwarze Liste gesetzt wurde, befasst sich im Film mit den Auswirkungen von politischen Beschlüssen wie der Ein-Kind-Politik, die in China offiziell noch bis 2015 Gültigkeit hatte, auf das tagtägliche Leben seiner Hauptfiguren und verwebt diese über eine enorme Laufzeit von über drei Stunden geschickt zu einer Mischung aus intimem Portrait eines Ehepaares und gleichzeitig epischem Drama über drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte.
«Daraus entstanden ist ein zutiefst menschlicher Film, der auf sehr einfache, unaufgeregte Art und Weise die Überschneidung von Privatsphäre und Öffentlichkeit aufzeigt. Dass So Long, My Son mit seiner Geschichte voller Tragik und Schönheit zu erschüttern weiss, liegt auch an den Glanzleistungen des Casts, der den Film über die lange Zeit eindringlich zu tragen vermag – für ihre Darstellung wurden Yong Mei und Wang Jingchun beide mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ihre Performance kommt besonders zur Geltung, weil Wang statt auf Effekthascherei auf zurückgenommene, simple Bilder in blassen Farben und minimalen Dialog setzt. So Long, My Son ist einfaches, authentisches, anspruchsvolles, intimes und episches Kino – und das alles zur selben Zeit.» cineman.ch
Drehort China 2019 |
Laufzeit 180 Minuten |
Verleih Trigon |
Regie Wang Xiaoshua |
Musik Dong Yingda |
Darsteller Li Jingjing, Ai Liya, Wang Yuan, Wang Jingchun |
Sprache Mandarin/df |
Altersempfehlung 16 |
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