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Séraphine
Die Malerin Séraphine Louis

Malerin des heiligen Herzens
Kugelrunde rote Äpfel, weiss gefiederte Blumen und flammende, augenförmige Blätter sind jene Motive, die Séraphine Louis hingebungsvoll des Nachts in ihrer Küche auf Holztäfelchen und Krüge, später auf zwei Meter hohe Leinwände malte. Tagsüber war die als etwas sonderbar geltende Frau, die nie ohne ihren schwarz lackierten Strohhut aus dem Haus ging, als Putzfrau in verschiedenen Haushalten von Senlis tätig, so auch beim deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde.

Dieser hatte sich 1912 aus dem vierzig Kilometer entfernten Paris, wo er als einer der ersten Picasso-Sammler zu den Schlüsselfiguren der Avantgarde gehörte, in die französische Kleinstadt zurückgezogen. Er war es, der das Talent von Séraphine Louis entdeckte und die Autodidaktin entscheidend zum Weitermalen ermutigte. «Eines Tages bemerkte ich bei kleinen Leuten in Senlis ein Stillleben, welches einen so ausserordentlichen Eindruck auf mich hervorbrachte, dass ich vor Ergriffenheit schweigend vor ihm stehen blieb», sollte sich Uhde später erinnern.
Wankelmütiger Entdecker

So begeistert der Wahlfranzose Uhde zunächst von Séraphines kleinen Stillleben mit Äpfeln oder Blumen war, so ungeklärt bleibt, warum er erst im Jahr 1927 wieder den Kontakt zu der Künstlerin suchte. Uhde war zwar bei Kriegsausbruch 1914 gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren, lebte aber bereits ab 1924 wieder in der Nähe von Paris.
Das lange Schweigen Uhdes muss Séraphine geschmerzt haben, dennoch entwickelte sie in der Zwischenzeit ihren Stil entscheidend weiter, hin zu grossformatigen Kompositionen, in denen sich von der Bildmitte aus dichte strauss- oder baumartige Blatt- und Blumengeflechte entfalten. Wie das Kunsthistorikerpaar Manja Wilkens und Hans Körner in ihrer nun vorliegenden Biografie plausibel darlegen, liegt diesen Werken aufgrund ihrer kompositorischen Ausgewogenheit und korrigierender Übermalungen durchaus ein bewusster Gestaltungswille zugrunde. Dies widerspricht dem Klischee, Séraphine Louis habe ihre Bilder gleichsam in Trance am Rand zum Wahnsinn gemalt.
Zeit der «primitiven Meister»

Die entscheidende Wende für die mittlerweile 63-jährige Künstlerin brachte ihre Beteiligung an der 1927 im Rathaus von Senlis durchgeführte Gruppenausstellung regionaler Künstler. Es kam nicht nur zur Wiederbegegnung mit Uhde, sondern Séraphine wurde in der Pariser Presse als das eigentliche Ereignis der Ausstellung gefeiert und dem Zöllner Henri Rousseau gleichgestellt. Zu Recht wurde Séraphines Intensität in Farbe und Ausdruck mit jener van Goghs verglichen.

Uhde machte sein Versprechen wahr und stellte Séraphines Werke 1928 erstmals in Paris aus, zusammen mit jenen von Henri Rousseau, Louis Vivin, André Bauchant und Camille Bombois, die er unter dem Titel «Peintres du Cœur Sacré» zusammenfasste. Ihm ist es als wichtigstem Förderer der naiven Malerei zu verdanken, dass diese fünf «modernen Primitiven» zunehmend als ernst zu nehmende Künstler wertgeschätzt wurden und ihre Werke bereits in den 1930er-Jahren durch Zürich, London und New York tourten.

Dank Verkäufen und der finanziellen Unterstützung durch Wilhelm Uhde und dessen Schwester Anne-Marie konzentrierte sich Séraphine nun ganz auf ihre Malerei und erlebte zwischen 1927 und 1930 ihre schöpferischste Phase. Es entstanden Hauptwerke wie «L’arbre du paradis», gemalt mit der Lackfarbe Ripolin, die Séraphine in der Senliser Drogerie kaufte und der von Uhde aus Paris mitgebrachten Ölfarbe vorzog.
Paradies und Apokalypse

Séraphines Domäne war die Welt der Pflanzen und Früchte, die sie in ihren Gemälden zunehmend frei kombinierte und einer Metamorphose unterzog. Dass sie sich dabei auch von faszinierenden Schilderungen der exotischen Fauna und Flora in den französischen Kolonien inspirieren liess, legen Wilkens und Körner in ihrem Buch dar. Als Quelle orten sie die in Senlis ansässigen, auch in der Missionsarbeit tätigen Schwestern von Saint-Joseph de Cluny, mit denen Séraphine in Kontakt stand. Interessant ist diese These nicht zuletzt deshalb, weil sie das auch von Uhde geförderte Bild der isolierten, ausschliesslich aus ihrem Herzen schöpfenden Künstlerin relativiert. Schliesslich legt die damals gängige Assoziation solcher Beschreibung mit der Vorstellung des himmlischen Paradieses eine dahingehende Interpretation von Séraphines Gemälde «L’arbre du paradis» mit dem Paradiesfluss in der Mitte nahe.

Unbestritten ist, dass Séraphine Louis tief religiös war und ihre Arbeit auch als Dienst an der Schöpfung und an Gott verstand. So war es nach ihren eigenen Aussagen ihr Schutzengel, der ihr 1905 auftrug, mit dem Malen zu beginnen. Oft sang sie beim Malen mit Inbrunst fromme Lieder, was nicht immer zur Freude ihrer Nachbarn, bis 1930 aber im Rahmen des Tolerierbaren war. Zunehmend begann sich Séraphine in diesem Zeitraum in ihrer Fantasiewelt zu verstricken, verkündete den Weltuntergang oder ihre Heirat mit einem Hauptmann aus Spanien, dann mit einem Engel. Indem sie sich ein Hochzeitskleid schneidern liess und eine Aussteuer kaufte, verschuldete sie sich masslos. Ob es der Erfolg als Künstlerin war, der ihren Realitätssinn trübte, bleibt Spekulation. Wilhelm Uhde jedenfalls liess die Künstlerin in diesem Zeitraum fallen, auch er war angesichts der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Bedrängnis geraten.

Als Séraphine schliesslich auf den Rat der Jungfrau Maria hin im Februar 1932 ihr Hab und Gut auf die Strasse räumte, wurde sie in die psychiatrische Anstalt von Clermont sur l’Oise eingeliefert, wo sie 1942 starb. Aus ärztlichen Berichten lässt sich schliessen, dass Séraphine dort unter anderem von apokalyptischen Visionen und der Vorstellung einer jungfräulichen Schwangerschaft heimgesucht wurde.
Aussenseiterin der Moderne

Die Stilisierung von Séraphine Louis als eine Art Heilige ist wesentlich Wilhelm Uhde zu verdanken, der die Bezeichnung «Séraphine de Senlis» in Umlauf brachte. Als einzige Frau innerhalb der fünf wichtigsten «Naiven» Frankreichs nahm sie damit eine zusätzliche Sonderstellung ein. Nach ihrem Tod erst fand 1945 die erste Einzelausstellung Séraphines in der Galerie de France in Paris statt. Dass ihr Werk wie dasjenige von Henri Rousseau integraler Bestandteil der Kunst des 20. Jahrhunderts ist, belegt bereits ihre Präsenz an der ersten Documenta in Kassel im Jahr 1955.

Während das Museum von Senlis permanent Werke von Séraphine Louis zeigt, widmeten der Künstlerin in jüngster Zeit das Museum Schloss Benrath in Düsseldorf (2005) und letztes Jahr das Musée Maillol in Paris umfassende Ausstellungen. Ein glücklicher Zufall ist es, dass nun gleichzeitig von deutscher Seite eine fundierte, gut zu lesende neue Biografie samt Werkverzeichnis und von französischer Seite ein eindrücklicher Film dazu beitragen, Séraphine Louis in ein neues Licht zu rücken.

Magdalena Schindler, Bund

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Filmbericht in der NZZ
Uhde schreibt über Séraphine Louis
Presse und Kritik

Video - Bilder von Séraphine Louis