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Walter Pfeiffer . Chasing Beauty
NZZ - Bericht über Walter Pfeiffer von Jürg Zbinden

Das Pfeiffersche Fieber

Der Fotograf Walter Pfeiffer wird an der Photo 17 in Zürich mit dem Lifetime Award ausgezeichnet. Bei einem Cappuccino lässt er seine Laufbahn Revue passieren. Es grassiert überall, und es ist hochansteckend: das Pfeiffersche Fieber. Kaum einer, der sich auch nur am Rande mit Mode im Luxussegment befasst, ist durch die fotografischen Arbeiten Walter Pfeiffers nicht infiziert worden. Es liegt wohl daran, dass diese die perfekte Oberfläche unterlaufen, indem ihnen etwas unbeschwert Alltägliches eignet, das die exaltierten Supermodel-Inszenierungen namhafter Modefotografen vermissen lassen. Die einschlägigen Redaktionen in London, Berlin, Paris, New York reissen sich um den Mann aus der kleinen Schweiz, den Nachfahren im kreativen Geist eines Jean Cocteau, eines Andy Warhol.

Wer indes annimmt, Pfeiffer lebe auf grossem Fuss, in unschweizerischem Saus und Braus, der trompiert sich gründlich. Seine Wohnung im Zürcher Kreis 3 hält er ohne Putzfrau in Ordnung, nicht einmal einen Freund habe er. Die Frage, wer oder was ihm denn lieber wäre, Freund oder Putzfrau, wischt er mit einem Lachen beiseite. Für einen Freund würde ihm eh die Zeit fehlen. Überhaupt wäre der Liebste zu bedauern, wo doch ein Adonis nach dem andern vor Pfeiffers Kamera posiert. Er nennt die Adonisse «Bubis». Und damit kein falscher Verdacht aufkommt, der ideale Bubi für ihn ist zwischen 18 und 25 Jahre jung. Im Grunde ist es die Sehnsucht nach der einen grossen, unerfüllten Liebe, die ihn antreibt, immer besser zu werden, so gut, bis er es verdient, dass ihm die ersehnte Liebe als Belohnung quasi in den Schoss fällt. Bis dahin sublimiert er fleissig. Kein Preis ohne Fleiss.

Wer sich sonnt, ist verloren
Wie man erfolgreich wird? Es braucht vor allem Durchhaltewillen, ein wenig Glück und das notwendige Talent. Wer sich selbstzufrieden auf den oberen Sprossen der Karriereleiter sonnt, hat schon verloren und ist im freien Fall, noch bevor er es merkt. Dranbleiben, weitermachen, Selbstkritik üben, sonst überholt der Misserfolg den Erfolg im Nu. Als Untergrund- oder englisch Underground-Fotograf wird er allenthalben beschrieben und vermarktet, wofür er nichts kann und wozu er nichts getan hat. Walter Pfeiffer hat nie nach einer Subkultur geforscht, sondern fotografiert, was ihn interessiert. Der Underground ist eine verklemmte Schublade der Medien. Tatsächlich kommt er von der Kunst, war Grafiker, Illustrator, führte Theaterregie, er hat stets gezeichnet, gemalt. Dass er trotzdem zuerst und nahezu ausschliesslich als «Modefotograf» wahrgenommen wird, wurmt ihn.
Ihn dünkt die hiesige Kunstszene eine regelrechte Neidgesellschaft. Von Jüngeren erfährt er zwar Bewunderung, von fortgeschrittenen Semestern widerfährt ihm aber, das ist sein Eindruck, mehrheitlich Neid – Neid, den er sich redlich verdienen musste. Seit er in der internationalen Top-Liga mitmischt, die Models Lara Stone, Karlie Kloss, Cara Delevingne und den «Beyond-Bubi» Tom Ford ablichtet, unterstützen ihn Assistenten, die technische Fragen lösen und Probleme abnehmen. «Schmalhans ist zum Glück nicht mehr Küchenmeister. Ich habe ihn entlassen.»

Was nicht heisst, dass er mittlerweile Millionär wäre, wie unlängst ein Kulturschaffender argwöhnte. Die siebziger bis achtziger Jahre, eine Ära anhaltenden Booms, sie sind Geschichte und kehren nicht wieder. Es gibt Wichtigeres als Geld. Zum Beispiel wandern. Das ist des Walters Lust. Wenn er wandert, ist er eins mit der Natur, und zur Belohnung für die körperliche Ertüchtigung gönnt er sich nach jeder Wanderung ein Kägi-fret (die Toggenburger Waffelspezialität) aus dem Automaten. Automatisiert, weil gekühlt und darum besser.

Wichtig auch die Gesundheit, deren Wert er zu schätzen weiss. Vor fünf Jahren hat er seine Mutter verloren, knapp vor ihrem 90. Geburtstag. Täglich haben sie miteinander telefoniert: «Ich war ein richtiger Mama-Boy.» Unruhig war er vor Vollendung seines 59. Lebensjahrs, des Jahrs, in dem sein Vater und Andy verstorben sind. 1970 konnte der Ex-Kunstgewerbeschüler Walter den Superstar in der «Kronenhalle» beobachten. Für einen gemeinsamen Freund signierte der seinen Katalog und hinterliess einige Kritzeleien auf Zuckerpapierchen und beim observierenden Bewunderer einen unauslöschlichen Eindruck. Mit Andy Warhol verbindet Walter Pfeiffer überdies die Faszination für das Medium Fernsehen, abends läuft der Fernseher nonstop, die Geräuschkulisse hat eine beruhigende Wirkung auf ihn. Musik streamt er, alles Mögliche, ohne besondere Präferenzen.

Verwandlungen
Das Pfeiffersche Fieber setzte Anfang der 1970er Jahre ein, tiefstes Analogzeitalter. In London lernte der Grafik-Praktikant der Globus-Werbeabteilung den viel später durch die TV-Serie «Sex and the City» weltberühmt gewordenen Schuhdesigner Manolo Blahnik kennen. Manolo wohnte in Notting Hill, gegenüber lebte der Maler David Hockney. Walter, den der Lifestyle der britischen Bohemians faszinierte, reiste voller Inspirationen heim in die Limmatstadt, um seine Beschäftigung als selbständiger Illustrator weiterzuführen. In Zürich machte er sich allmählich einen Namen, eine erste Karriere erarbeitete er sich mit Plakaten für das Filmpodium. Für Furore sorgte die Teilnahme an der Ausstellung «Transformer» im Kunsthaus Luzern unter Jean-Christophe Ammann. Den vorläufig letzten Gipfel erklomm er Jahre später mit einer Porträt-Ausstellung in der Kunsthalle Basel, wiederum unter Ammann.

Rückzug ins Vergessen
Bis er die Nase voll hatte, nicht von weissen Substanzen, sondern von der Szene, den Vernissagen, dem Getue. Der Rückzug in die privaten vier Wände und der Verzicht auf die Kamera zogen das Vergessen des Künstlers, der nur noch zeichnete und malte, nach sich. Dann, 1999, trat sein Verleger Patrick Frey an ihn heran, 2001 erschien das Fotobuch «Welcome aboard», Walter Pfeiffer war wieder an Bord. Es folgten «Heidis Lehr- und Wanderjahre»: Projekte mit dem Art-Director Beda Achermann, ein erstes Shooting für das Berliner Magazin «Achtung» und schliesslich ein Beitrag für die Trendzeitschrift «i-D».

Heute ist Walter Pfeiffer eine Weltmarke: «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.» Hilfreich war nicht zuletzt, dass er von der renommierten Fotoagentur Art + Commerce unter Vertrag genommen wurde. Nun hütet Art + Commerce den gebürtigen Schaffhauser wie einen Schatz. Die Agentur betreut und verwaltet ebenfalls das künstlerische Erbe des New Yorker Fotografen Robert Mapplethorpe. Zum Neujahr haben ihm die Leute bei Art + Commerce einen Limoges-Porzellan-Teller von Mapplethorpe zum Geschenk gemacht. Das Motiv in Schwarz-Weiss: «The Wrestler» (der Ringer). Zweifellos studierten die global operierenden US-Agenten ihren Pappenheimer gründlich. Befragt nach seinen Idolen, gibt Walter Pfeiffer zur Antwort: «Sportler – Eishockeyaner, Judokas und Ringer.»

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SRF - Bericht und Sendung zum Film
Das Magazin - Eine Kolumne von Katja Früh

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Walter Pfeiffers Weg
Regisseur Iwan Schumacher

Watson - Artikel über W. Pfeiffer
Das Pfeiffersche Fieber - Look Now