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Paterson
Das Glück der Monotonie - Bericht in der NZZ

In seinem zauberhaften Filmpoem porträtiert Jim Jarmusch einen dichtenden Busfahrer und zeigt eine andere Welt «kleiner Leute», in der Zufriedenheit und Harmonie herrschen.

Aus der Zeit fallen – eine schöne Idee. Sich nicht der Rastlosigkeit der Welt ergeben. Zeit haben, sich Zeit nehmen. Sein Glück in Routinen, Reduktion und Repetition finden. Die Entschleunigung zelebrieren. Jim Jarmusch macht es vor. Mit «Paterson», seinem jüngsten Film, knüpft er an sein Frühwerk an und findet zugleich zu neuer Höchstform. Es ist ein Film, der wie ein Antidot wirkt in einer Zeit gesellschaftlicher Eskalation und eskapistischer Zerstreuung. Als «eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino» versteht Jarmusch seinen Film, der mit seinem lakonischen Humor wie ein ruhiger Strom an uns vorüberzieht und uns Freude am Unaufgeregten lehrt. Das ist pures Glück.

«Es ist alles wie immer. Ich kann mich nicht beklagen.» Der Barkeeper in Paterson, New Jersey, spricht seinem Gast, dem Busfahrer, der genauso heisst wie seine Heimatstadt, aus der Seele. Allabendlich findet sich dieser Paterson auf der Gassi-Runde mit Marvin, der Bulldogge, zu einem den Abend beschliessenden Drink ein. Ein weiterer Tag findet seinen üblichen Ausklang. Am nächsten Morgen wird Paterson wieder neben seiner Liebsten Laura aufwachen, sie zärtlich liebkosen, zur Arbeit gehen, sich an ihrer liebevoll gepackten Lunchbox erfreuen – und in der Mittagspause an den Wasserfällen am Passaic River Gedichte schreiben.

Worte nehmen Gestalt an
Paterson (Adam Driver) ist ein begnadeter Poet im Verborgenen, dessen geheimes Notizbuch eine Fundgrube lyrischer Kleinode ist. Der dichtende Arzt William Carlos Williams (1883–1963), der neben Allen Ginsberg berühmteste Sohn der Stadt, ist Patersons Vorbild. Schön sind sie, seine in der Alltagswelt wurzelnden, in ihrer Schlichtheit raffinierten (Liebes-)Gedichte, und wundervoll ist, wie Jarmusch ihre Reifung ins Bild fasst. Der Akt des Schreibens ist im Film oftmals eine sperrige Angelegenheit – wie viel Poesie entfaltet er doch hier, wo wir im Rhythmus des Gedankenflusses Worte auf der Leinwand Gestalt annehmen sehen. Übrigens Worte des Dichters Ron Padgett, eines Vertreters der sogenannten New Yorker Schule, aus dessen Feder sie tatsächlich stammen – Jarmusch hat sich seiner Mitarbeit versichert. Denn er hat eine grosse Liebe zur Lyrik, die schon in anderen seiner Filme zum Tragen kam, und er beweist, wie er Poesie kongenial ins Medium Film zu überführen versteht. Seinen Film gliedert er in Wochentage – wie in Strophen, und mit vielstimmigem Refrain. Daran, die assoziative Dynamik des Gedichts zu Bildern zu formen, sind andere schon kläglich gescheitert, etwa der deutsche Regisseur Ralf Schmerberg mit seinem betulichen Film «Poem» (2003).

Seine Inspiration findet Paterson nicht zuletzt bei der Arbeit, wenn er die Gespräche der Buspassagiere mit anhört. Aus sich herausgehen aber möchte er nicht. Schon lange drängt ihn seine Geliebte Laura (hinreissend: Golshifteh Farahani), zumindest Kopien von seinem Notizbuch zu machen, sollte es einmal verloren gehen. Sie bildet den extrovertierten Gegenpol zum stillen Poeten, ist von überschäumender Kreativität, obschon sie, strenggenommen, nur Schwarz-Weiss-Malerei betreibt. Aber mit welcher Verve! Kleider, Vorhänge, Cupcakes, die sie auf dem Markt verkauft – alles versieht sie mit ihrem Trademark-Design. Selbstverständlich liebt sie Schwarz-Weiss-Filme, und die Gitarre, die sie zu spielen anfängt, ist gekleidet ins schwarz-weisse Harlekins-Kostüm. Jeden Tag sprudeln neue Ideen aus ihr hervor, und dafür liebt sie der stille Poet, denn auch dieses Immerneue ist inzwischen zu einer der geschätzten Routinen geworden. Das wahre Glück liegt in der Monotonie.
Wiederkehr und Varianz

Freilich schleichen sich auch Überraschungen in Patersons Leben, wie etwa ein Bus, der plötzlich liegenbleibt – in der Folge aber nicht in einem Feuerball aufgeht, wie von verschiedenen Personen gemutmasst wird. Genial, wie Jarmusch das Wiederkehrende rhythmisiert durch kleine Verschiebungen im Ablauf. Etwa so, wie der weisse Elefant in Rilkes Gedicht «Das Karussell» mit jeder immer schnelleren Runde ins Blickfeld zurückkehrt, vergeht im Film eine Woche, in der wiederholt Zwillinge den Weg Patersons kreuzen. Der Reiz liegt in der so minimalen wie signifikanten Varianz der Dinge, ohne dass sich aber Wesentliches änderte oder dramatische Konflikte aufbrächen. Für den einzigen Zwischenfall, der eine Art Zäsur bedeutet, ist Marvin, der Hund, verantwortlich. Im wahren Leben eigentlich Nellie geheissen, ist das Tier der heimliche Hauptdarsteller des Films und hat in Cannes, wo «Paterson» dieses Jahr seine Uraufführung erlebte, die sogenannte Palme Dog gewonnen, einen Preis für den besten Hundedarsteller, der beinahe so viel Beachtung findet wie die Palme d'Or. Bedauerlicherweise konnte Nellie ihn nicht selber entgegennehmen, denn sie starb einige Monate nach Ende der Dreharbeiten.

Etwas so Schönes wie «Paterson» gab es lange nicht im Kino zu sehen. Zu einer Zeit erhitzter Debatten um die Wut der Zukurzgekommenen zeigt Jarmusch eine andere Welt «kleiner Leute», in der Zufriedenheit und Harmonie herrschen. Das mag eine idealisierte Darstellung sein. Sich aber ein Beispiel daran zu nehmen, kann jeden in eine heiterere Stimmung versetzen.

Susanne Ostwald

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