Kinoimschlosshof
   

 

 

L'Opéra de Paris
Stier im Opernhaus - Bericht Sonntagszeitung.ch

Regisseur Jean-Stéphane Bron findet Erstaunliches hinter den Pariser Theaterkulissen: „L’Opéra“

Vorspiel Wurst! Dirigent Philippe Jordan probt «Die Meistersinger von Nürnberg», aber dem Sänger kommt die Wurst nicht recht über die Lippen. «Möchtet ihr nicht auch die Wust versuchen?», singt der Tenor die Wagner-Zeile, doch der Dirigent beharrt auf einem betonten R: Wurst, Wurst, Wurrrst, immer wieder, voller Charme insistiert Jordan, bis es endlich klappt. Was für eine Szene!
Gedreht hat sie der Lausanner Regisseur Jean-Stephane Bron, in der Deutschschweiz bekannt seit seinem Dokumentarfilm «Mais im Bundeshuu»«L'Opera» heisst sein neuer Film, er bietet Einblicke hinter die Kulissen der beiden grossen Pariser Opernhäuser Garnier und Bastille. Und nein, mit der Aussprache der Wurst hat der Regisseur selbst keine Mühe. «Seit dem Blocher-Film hat sich mein Deutsch stark verbessert», sagt er.

1 Akt Ja, zuletzt hatte er «L'experience Blocher» gedreht, eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Magistraten und dem Aufstieg des Populismus. «Es war ein dunkler Film», sagt Bron, «es ging um verwirrende, rückwärtsgewandte Themen.» Danach habe er Lust auf etwas ganz anderes bekommen, einen Ort, an dem viele Menschen aus unterschiedlichsten habe zuerst an eine grosse, internationale Firma gedacht: «Bloch er war ein <Fee!-Bad-Movie>, ich wollte einen <Feel-Good-Film> drehen.» Sein französischer Produzent habe ihm dann die Pariser Oper vorgeschlagen.
Oper? Niemals hatte 47-jährige Regisseur vor den Dreharbeiten ein solches Haus betreten, nie eine Aufführung besucht. Aber das war für ihn kein Hinderungsgrund, im Gegenteil: «Bevor ich <Cleveland vs. Wall Street> drehte, wusste ich nichts über Finanzsysteme. Und die Mechanismen der Politik habe ich auch erst mit <Mais im Bundeshuus> erlernt. » So hat er eben während über einem Jahr über hundert Tage in den beiden Pariser Opern verbracht, die unter gemeinsamer Führung stehen. Als filmischer Türöffner diente ihm dabei ein junger Bassbariton aus einem fernen Dorf im Ural.

2. Akt Mischa Timoschenko heisst der talentierte Sänger, der zu Beginn neu in die Akademie der Pariser Oper aufgenommen wird. Er geht staunend durch die Gänge, spricht noch kein Wort Französisch, verständigt sich mit Händen und einem gewinnenden Lächeln, versucht alles aufzusaugen, was an ihn herangetragen wird. Mit ihm begegnen wir den Stars der Oper, zum Beispiel Bryn Terfel, der «La damnation de Faust» einübt. Aber auch den vielen kleinen und grossen Helden hinter der Kulisse.
Das ist das Prinzip des Films: Es gibt keine Interviews, keine allwissenden Beobachtungen. Nein, wir sehen, was andere Menschen sehen: der junge Sänger, der sein Vorbild bewundert. Die administrative Leitung, die diskutiert, welche Worte bei der Pressekonferenz gebraucht werden dürfen («Wir sprechen nicht mehr vom besten Ballett der Welt»). Oder die Diva, die der Garderobefrau ihr Handy in die Hand drückt, damit diese sie beim Applaus auf der Bühne filmt. «Meine Lieblingsszene: Diejenige, die im Rampenlicht steht, wird von derjenigen gefilmt, die sie ankeidet», sagtBron.
Darum geht es in diesem Film. Denn natürlich: Die Oper ist ein elitärer Ort, die Eintrittskarten können über 200 Euro kosten, und die Pariser Schickeria trifft sich in den Zuschauerrängen auch zum Sehen-und-Gesehen-Werden. Aber es ist eben auch ein Ort der kreativen Höchstleistungen, der Rädchen, die aufs Feinste aufeinander eingestellt sein müssen, damit etwas funktioniert. Und wo, wenn dann – Applaus, Applaus – etwas gelingt, eine ungeheure Energie freigesetzt wird.

3. Akt Klar ist der Betrieb hierarchisch aufgebaut, zuoberst thront der Direktor Stephane Lissner, der «Gott vom 8. Stock», wie er einmal genannt wird, in Anspielung an sein Riesenbüro über der Place de Ia Bastille. Der Film dokumentiert sein erstes Amtsjahr, und ihn zu überzeugen, mitzutun – und Zugang zu den anderen zu verschaffen -, war die härteste Arbeit für Bron. Gelungen ist es ihm schliesslich mit einer grossen Portion Überzeugungskraft und der Qualität seiner früheren Filme, die der Direktor sich ansah.
«Lissners erstes Jahr war ideal, denn wenn es einen Wechsel an der Spitze der Macht gibt, geschieht immer etwas>>, sagt Bron. Und er behielt recht: Es gab Querelen um den Ballettchef Benjamin Millepied (der Tänzer und Mann von Hollywooddiva Natalie Portman trat schnell von seinem Posten zurück), es gab Streikdrohungen, Auseinandersetzungen mit widerspenstigen Regisseuren. Und immer war die Kamera dabei. Auch beim Stier.

4. Akt In seiner Inszenierung von Schönbergs «Moses und Aaron» wollte der italienische Skandalregisseur Romeo Castellucci einen echten Stier auf die Bühne bringen. Wir erleben das Casting der muskulösen Viecher, eines von ihnen heisst - wenig vielversprechend – Fiasco, dasjenige, das genommen wird, Easy Rider. Wir sehen aber auch, wie die Chormitglieder, die neben dem Tier singen müssen, mit solchen Einfällen Mühe haben. Wie Kompromisse gesucht werden. Und dann, wie nach der triumphalen Aufführung die verschmutzte Bühne gereinigt wird. Und der Stier seine Dusche «das mag er») bekommt.
Brons Film ist musikalisch, aber er filmt nicht einfach Opern ab («das hat mich nicht interessiert»). Es geht immer um bestimmte Personen und Themen. Bei den «Meistersingern von Nürnberg» fällt zum Beispiel kurz vor der Premiere ein Sänger aus. Auf der ganzen Welt wird Ersatz gesucht und schliesslich in der Steiermark gefunden. Es gibt ein paar Bilder der Aufführung, weiter geht’s zu den Perückenmachern, die bei dieser Oper besonders viel zu tun haben. Ein Stafettenlauf der Bilder, wunderbar aufeinander abgestimmt. Und ein erfrischender Blick in eine Institution, der plötzlich gar nichts Verstaubtes mehr anhaftet.

Epilog Eine ganze Musiknummer gibt’s zum Schluss doch noch. Bassbariton Timoschenko, der uns als junger Tor durch den Film führte, singt seine Arie, die er durchs Jahr eingeübt hat. Jetzt steht er selbst im Rampenlicht, erhält Komplimente. Und am Ende sagt jemand: «Ihr Französisch ist perfekt.»

Matthias Lerf

Zurück zur Filminfo
Kritik und Presse
Gespräch mit Regisseur (NZZ)
Bericht im Filmbulletin