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L'Opéra de Paris
Gespräch mit dem westschweizer Regisseur Jean-Stéphane Bron

Nach Christoph Blocher die Pariser Oper – der Schweizer Regisseur Jean-Stéphane Bron zeigt auch im neuen Werk, wie vielseitig er ist.
«Bevor ich mit diesem Film begann, war ich noch nie in der Oper»: Jean-Stéphane Bron überrascht gern – auch mit Aussagen wie dieser. Und wenn er anlässlich des Kinostarts von «L'Opéra de Paris» sagt: «Von allen meinen Filmen ist das der politischste», dann kann sich der 1969 in Lausanne geborene Regisseur noch richtig freuen über die Verwunderung, die er mit diesem Statement auslöst. «Das meine ich natürlich scherzhaft, aber gleichzeitig ist es mir auch ernst», sagt er im Gespräch, das sinnigerweise genau am Jahrestag des Zürcher Opernhauskrawalls von 1980 stattfindet.

Den Hinweis darauf quittiert Bron mit Heiterkeit. Musikalisch sei er in Lausanner Rock-Klubs sozialisiert worden, sagt er. Für ihn sei die Oper noch immer nicht das bevorzugte musikalische Genre, obwohl er über ein Jahr lang das Geschehen in und hinter den Kulissen der Opéra de Paris gefilmt habe. «Aber ich habe in meiner Karriere als Filmregisseur noch nie einen politisch militanten Film realisiert, in dem Sinn, dass ich für eine Sache Partei ergriffen habe», sagt Bron. Er habe seine Sujets im dialektischen Sinn immer von allen Seiten betrachtet. Das sei beim neuen Film tatsächlich etwas anders. Da sei es ihm primär darum gegangen, die Sache der Kunst zu verteidigen. Ohne Wenn und Aber, in einer Zeit, in der Kunst immer mehr nur noch zur Ware werde. «Das ist naiv, nicht wahr», lacht er, fast etwas verlegen, doch man glaubt ihm, wenn er hinzufügt: «Doch, das ist ein politisch militanter Film.»
Erfolg mit Politkrimi

Dessen, dass er in Zeiten rückläufiger Kinoeintritte mit «L'Opéra de Paris» beim Publikum nicht so reüssieren wird wie 2003 mit «Mais im Bundeshuus», ist sich Jean-Stéphane Bron bewusst. Er kennt die Kinolandschaft wie wenige andere, schliesslich ist er auch Produzent. Zusammen mit Ursula Meier, Lionel Baier und Frédéric Mermoud gründete er 2010 die Produktionsfirma Bande à part Films. Schon Jahre vorher, 2003, hatte Bron mit «Mais im Bundeshuus» einen der erfolgreichsten einheimischen Dokumentarfilme realisiert. Mehr als 100 000 Eintritte verzeichnete der dokumentarische Politkrimi über parlamentarische Meinungsbildung zur Gentechnologie in den Schweizer Kinos – die 8000, die ihn anlässlich der Premiere am Filmfestival Locarno auf der Piazza Grande bejubelten, nicht eingerechnet.

Nur gerade zwei Filme räumten in der Geschichte des schweizerischen Dokumentarfilmschaffens noch mehr ab: Friedrich Kappelers Mani-Matter-Film «Warum syt dir so truurig?» erreichte 146 000 Eintritte, Markus Imhoofs Dokumentarfilm über das Bienensterben, «More Than Honey», 255 000. Jean-Stéphane Bron ist unter Schweizer Cineasten einer der erfolgreichsten, und zwar nicht nur, was die Publikumsgunst betrifft. Wie wenige andere Schweizer Filmemacher konnte er mehrere seiner Filme am Festival in Cannes präsentieren, zudem erhielt er zweimal den Schweizer Filmpreis Quartz für den besten Dokumentarfilm: 2004 für «Mais im Bundeshuus» und 2011 für «Cleveland vs. Wall Street», seinen wie ein Gerichtsdrama aufgebauten Dokumentarfilm zur Finanzkrise.

Doch das Etikett «Dokumentarfilmregisseur» trifft auf Bron nicht vollumfänglich zu. 2006 realisierte er mit «Mon frère se marie» einen Spielfilm: eine Komödie mit Jean-Luc Bideau in der Hauptrolle. Dieses Werk, das Bron lachend als «Unfall» und «einmalige Angelegenheit» bezeichnet, erlebte seine Premiere auch in Locarno – wie bereits zehn Jahre zuvor sein erster Dokumentarfilm, «Connu de nos services», eine Realgroteske über die Nachwehen des Fichenskandals. Und wenn von politischen Filmen Jean-Stéphane Brons die Rede ist, die ihre Weltpremiere am Festival mit dem schönsten Freiluftkino der Welt feierten, darf natürlich auch das Werk nicht fehlen, in dessen Titel der Name einer Reizfigur prangt: «L'Expérience Blocher».
Premiere mit Polizeischutz

Doch der Film, der im August 2013 die halbe Schweiz in Aufregung versetzte, erzielte wenige Monate darauf im Kino gerade einmal 8000 Kinoeintritte in der Deutschschweiz und noch einmal so viele in der Romandie. War der kommerzielle Flop ein harter Schlag? Bron, der wie schon bei Begegnungen in früheren Jahren vor Energie und Optimismus sprüht, winkt ab: «Ach was. Das Happening, das mit dem Blocher-Film einherging, war doch viel wichtiger als die Frage nach einem Erfolg oder Misserfolg an den Kinokassen.» Begeistert fährt er fort: «Überall wurde der Film diskutiert, 300 Polizisten standen in Locarno im Sondereinsatz, Scharfschützen wurden auf den Dächern rund um die Piazza Grande postiert.

Ein Sicherheitsdispositiv, wie es das Festival noch nie gesehen hatte: Das sagt doch einiges aus über dieses Land und über unser Verhältnis zum ‹Helden› dieses Films.» Den Einwand, dass die zusätzlichen Polizeikräfte nicht allein wegen Blocher, sondern ebenso wegen des gleichentags in Locarno weilenden Giovanni Senzani, Ex-Terrorist der Roten Brigaden und Hauptfigur im Filmessay «Sangue» von Pippo Delbono, präsent gewesen seien, quittiert Bron mit unbändigem Lachen: «Toll, das wusste ich nicht, aber es passt doch hervorragend: Blocher und der Terrorist – les extrêmes se touchent.»

Doch zurück zum neuen Film. In einer Zeit, da selbst ein Michael Haneke Mozart-Opern inszeniert und Wim Wenders demnächst seine Premiere als Opernregisseur feiern wird – hätte er da nicht auch Lust, sich in dieser Welt zu betätigen? Jean-Stéphane Bron winkt ab: «Da dürfen Sie sicher sein, dass ich das nicht machen werde.» Er sei ganz dem Cinéma du réel verbunden. «Und ich bin jemand, der mit jedem neuen Film wieder unbekanntes Terrain betritt. Und das wird auch weiter so bleiben. Mein nächstes Projekt wird ein Dokumentarfilm über das menschliche Gehirn sein.»

NZZ, Geri Krebs

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