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Patti Cake$
Bericht in Zeit.de

Zeit.de

"Patti Cake$, Rapperin": Träume in New Jersey: Patti (Danielle Macdonald) und ihr bester Freund (Siddharth Dhananjay).
Wenn dir alle sagen, dass du zu dick bist, zu hässlich und zu blöd. Wenn sie dich Piggy nennen und Buzz, von Buzz Lightyear, dem Spielzeugastronauten, der zu naiv ist, um zu kapieren, dass er aus Plastik besteht und niemals zum Mond fliegen wird. Wenn sie neben dir herfahren, wenn du zur Arbeit gehst, langsam und großtuerisch in ihren tiefergelegten Karren, die Jungs, die glauben, New Jersey sei die große, weite Welt. Wenn diese Jungs die Fensterscheiben herunterlassen und dich anzischen, "Dumbo!", wie Dumbo, der Elefant aus dem gleichnamigen Disney-Film. Wenn dies alles passiert, immer wieder, jeden Tag in einer schäbigen Vorortwelt, die nur dazu da zu sein scheint, das von fern schimmernde Manhattan noch prächtiger aussehen zu lassen, dann ist es Zeit, dass du das Kind beim Namen nennst.

Das Kind, das du selber bist, ein Wunderkind mit der Gestalt eines Preisringers und dem Geist eines wahren Künstlers.
Aber ein Name wird nicht genügen zur Bezeichnung deines Könnens und Stilwillens, deines Wunsches nach Ausdruck. Es müssen schon ein paar mehr sein: "Verneigt euch, die Queen ist im Gebäude. Miss Patricia Dombrowski aka Patti Cakes aka Killaaaaa P!"

So betritt diese Frau die Bühne des Films Patti Cakes, Rapperin, der, obwohl ein Debüt, ein reifes, furioses Werk ist und seine Hauptfigur eine der traurigsten, leidenschaftlichsten Gestalten, die das amerikanische Kino seit Langem hervorgebracht hat. Anfang zwanzig, dick, Tochter einer alkoholkranken ehemaligen Rocksängerin, wohnhaft in New Jersey, das heißt im Sopranos -Land, in dem Kiez der kleinen Ganoven und großspurigen Spießer. Eine Heldin, tausendfach getauft im Namen der sexistischen Erniedrigung und gerade deshalb die perfekte Kandidatin für eine Wiedergeburt im Zeichen der Kunst.
Dass diese Kunst ausgerechnet Hip-Hop ist, dass der weiße Underdog das musikalische Idiom der Schwarzen nimmt und daraus eine mitreißende Erzählung macht, das kann man mit dem unschönen Begriff "kulturelle Aneignung" belegen. Dieser Film erklärt: Ja, es gibt kulturelle Aneignung, eine Ethnie leiht sich die künstlerische Form einer anderen und versucht derart, ihr Selbst im anderen zu finden, ein Eigenes zu schaffen mit den Mitteln des Fremden. Aber er erklärt auch: Diese Aneignung muss kein Übergriff sein; er kann sich als Bereicherung zeigen, als Übersetzung, ja – großes Wort – als Versöhnung. Was wird hier versöhnt? Die Generationen. Die Kulturen. Die Rassen.

Das ist die Agenda? Ja, und weil Regisseur Geremy Jasper sich dem Rhythmus des Genres, das er feiert, anvertraut, weil er Hip-Hop nicht nur als Gegenstand und kulturelle Idee, sondern als Stilmittel und ästhetische Signatur versteht, kommt die Utopie ganz lässig daher. Moralische und politische Haltungen müssen bewegend sein und beweglich. Sie brauchen Groove.
Wie geht das genau? Indem wir Patti, gespielt von einer überragenden Danielle Mcdonald, begleiten: wie sie mit ihrem Freund Jhery (Siddharth Dhananjay), einem indischstämmigen Amerikaner, eine Rap-Combo gründet. Wie sie die tablettensüchtige, im Rollstuhl darbende Großmutter (Cathy Moriarty, die Frau von LaMotta/De Niro in Wie ein wilder Stier) dazunimmt und ihr für das erste, mit einem Kellnerlohn finanzierte Video eine Strumpfmaske verpasst. Wie sie einen schwarzen Musikstudenten (Mamoudou Athie), der in einer Waldhütte haust, als Produzenten gewinnt und mit diesem jungen Mann am Ende auch ein sehr zartes, brüchiges Liebesglück erlebt. Wie sie ihrer Mutter (überragend gehässig und verzweifelt: Bridget Everett), einer New-Jersey-Version von Pat Benatar, wenn Pat Benatar sich von Jägermeister und Donuts ernähren würde, wie sie dieser Frau Paroli bietet.

"Sie mag keine echte Musik, sie ist eine Rapperin", sagt die Mutter zu ihrem Freund, einem Polizisten, der sich Gitarre zupfend die Zuneigung der Frauen erschleicht. Der Mann spielt Bluesrock im Glauben, dadurch echt und authentisch und lebensklug zu wirken, dabei ist das genau die fiese Seite der cultural appropriation, des Diebstahls über die Rassen- und Kulturgrenzen hinweg: sich eine Musik anzueignen, die aus Leid und Trauer geboren wurde, um den narzisstischen Triebgewinn zu steigern. Wie oft ist die Musik der Schwarzen nicht von Weißen versilbert worden (von Elvis bis zu den Stones, ein einziger globaler Reibach), aber hier ist es noch einmal besonders bitter. Der Cop zupft einen Gospel auf der Klampfe und fühlt sich amerikanisch-nah an der Basis. Dazu wiegt sich die White-Trash-Geliebte im Suff. Übler ist die afroamerikanische Folklore selten missbraucht worden.

Aber Patti Cakes! Steht auf einem Parkplatz und muss sich von einem Proleten aus der Nachbarschaft, der denkt, er sei der neue Eminem, mit zweitklassigen Invektiven niedermachen lassen, um dann wie der Phönix aus der Zotenasche aufzufahren in die höchsten lyrischen Höhen. Das sollte man gesehen haben, wie diese Frau den Sexismus ihres Reimgegners übertölpelt und überwindet mit Versen. Schmutzig ist diese Poesie und schlau, derbe und raffiniert.

Oder man lauscht ihr, wenn sie New York besingt, den Sehnsuchtsort, der so unerreichbar ist wie der Mond für Buzz Lightyear. Kostprobe: "I flip the world a birdy / my verses full of curses / caus I’m stuck in dirty Jersey. / Let’s move to New York City / we make a couple millis / split that shit up 50/50." Oder, in der resignierten Version: "Breakfast at Tiffany’s / Dinner in Little Italy / I guess it’s just the pimp in me."

Die Truman-Capote-Version des amerikanischen Lifestyles, jene aus Bildung, Ironie und Überdruss komponierte Form des Wohlstands, wird es für Patti Cakes nicht geben. Sie kann keine Holly Golightly werden, das weiß sie, das weiß der Film, deshalb bleibt die Skyline New Yorks stets wie eine Fata Morgana des Glücks im Hintergrund. Andererseits: Wo Gefahr ist, wächst das Rappende auch. Schon im Spitznamen ist ein Versprechen enthalten. Dumbo, der Elefant, der fliegen kann. Ein schwerfälliges Wesen lässt das Schwere leicht erscheinen – genau wie Patti, die sich durch die Strophen raspelt und fräst, dass die Rhetoriker von Demosthenes bis Obama mit den Ohren wackeln.

Von Daniel Haas

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