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Visages Villages
Kritik im Filmbulletin 3/2018

Gleich nach dem gezeichneten und animierten Vorspann erklärt uns das Autorentandem Agnès Varda und JR in alternierenden Off-Kommentaren: «Nein, wir sind uns nicht auf der Strasse begegnet …», «Nein, wir sind uns nicht an einer Bushaltestelle begegnet …», «Nein, wir sind uns nicht in einer Bäckerei begeg­net …», «Nein, wir sind uns nicht in einem Dancing begegnet …». Dazu sehen wir im Bild, wie die beiden um ein Haar doch aufeinandertreffen, auf der Strasse, an der Bushaltestelle, in der Bäckerei, in einer Disco.
Ein «Dokumentarfilm» – in dieser Kategorie lief Visages villages im Rennen um die Oscars und holte sich eine Nomination – kann kaum von Anfang an witziger verdeutlichen, dass, was er uns zeigt, teils nachgestellt, teils imaginär ist. Schon hier wird die zweistimmige, komplementäre und nuancierende Kommentierung durch die beiden Verantwortlichen eingeführt. Spielerisch ist klargestellt, dass es sich um verdoppelte Blicke handelt, die uns Realitäten gewissermassen in stereoskopischer Subjektivität zeigen und so veranlassen, unseren eigenen Standpunkt zu definieren.

Agnès Varda, die noch immer energiegeladene Doyenne der französischen Filmemacherinnen (und in ihren Anfängen Fotografin), war zum Zeitpunkt der Realisierung von Visages villages 88 Jahre alt. Acht Jahre zuvor hatte man bei Les plages d’Agnès (2008), einer Art persönlichem Bilanzfilm, vermutet, sie verabschiede sich damit vom Kino und wende sich ganz ihren künstlerischen Installationen zu. Der 55 Jahre jüngere, nur unter dem Kürzel «JR» bekannte Künstler hat sich vor allem einen Namen gemacht mit Fotoarbeiten, die er in gigantischer Vergrösserung an Hausfassaden und an anderen öffentlichen Orten anschlägt. Wie es wirklich zur persönlichen Begegnung kam und damit zur gemeinsamen Arbeit an diesem neuen Kinofilm, lässt der Film offen (das Presseheft erklärt, Vardas Tochter und Produzentin Rosalie Varda habe 2015 das erste Treffen veranlasst). Jedenfalls erkannten die beiden, dass sich ihre Neugier auf fremde Menschen, die sich so unterschiedlich manifestierte, fruchtbar zusammenführen liess. Und es entstand ein gegenseitiges Interesse, den andern und seine Arbeitsweise zu erkunden. Beides zusammen, das Einanderkennenlernen und das gemeinsame Zugehen auf die Mitmenschen, ergab den unklassierbaren Film Visages villages.

Mit JRs üblichem Arbeitsinstrument, einem Camion, der zugleich Fotostudio und Riesenvergrösserungsapparat ist, brachen sie auf zu Entdeckungsfahrten ins ländliche Frankreich. Und sie stiessen auf eine Gesellschaft im Umbruch. Im Norden finden sie etwa eine weitgehend verlassene Bergarbeitersiedlung, interviewen deren letzte Bewohnerin sowie Minenarbeiterveteranen und setzen ihnen ein temporäres Denkmal, indem sie die überlebensgrossen Reproduktionen historischer Aufnahmen und ein Foto der letzten Ausharrenden auf die volle Höhe der zweigeschossigen Fassaden der dem Abbruch geweihten Häuschen kleben. In der Nähe von Paris begegnen sie einem Landwirt, der davon erzählt, wie er früher zur Bewirtschaftung von 200 Hektaren Fläche drei bis vier Knechte anstellen musste. Heute kultiviert er mit seinem hochmodernen Traktor und bedarfsweise angehängten spezifischen Feldarbeitsmaschinen im Alleingang das Vierfache dieser Fläche. Während sich hier der rationalisierte Alleingang durchgesetzt hat, wehren sich in Le Havre die Dockarbeiter noch kollektiv durch Streik, doch ihre Frauen – auf deren Perspektive legt Varda Wert – berichten, wie stark sie in ihrer Umgebung diesen längst nicht mehr selbstverständlichen Akt des Widerstands verteidigen müssen. Im Süden wundern sich Varda und JR über eine halbindustrielle Ziegenhaltung mit hornlosen Tieren, finden aber auch eine Bäuerin, die ihren Ziegen die Hörner belässt und – nach Versuchen mit mechanischen und elek­tronischen Melkmaschinen – zum Melken von Hand zurückgekehrt ist.

Man spürt die aus ihren früheren Dokumentarfilmen bekannte Offenheit, mit der Agnès Varda unvoreingenommen auf die Menschen eingeht. Varda bringt sie zum Reden, weil sie sich ernst genommen fühlen. So erzählen sie von sich, ihrer Lebensweise, ihren Problemen und ihrer Weltsicht. JRs gigantische, unübersehbar im öffentlichen Raum platzierte Schwarzweissfotos, die die Porträtierten mit sich selbst in ungewohnter Dimension konfrontieren, tragen zusätzlich dazu bei, dass diese Menschen aus sich herausgehen und das zuvor selbstverständlich Scheinende neu reflektieren. Die Überlebensgrösse, üblicherweise Götterstatuen und Heldendenkmälern, Leinwanddiven und Werbe­botschaften vorbehalten, feiert hier die sogenannt «kleinen» Leute – und als solche verstehen sie sich wohl üblicherweise selbst. Sich plötzlich riesengross zu sehen, gewissermassen vor dem eigenen Denkmal zu stehen, zwingt zum Perspektivenwechsel. Wohl nicht zuletzt deshalb stellt JR gerne die Fotografierten vor ihr eigenes vergrössertes Bildnis, um beide zusammen dann erneut abzulichten.
Durch den abrupten Wechsel des Massstabs schafft JR Distanz, so wie es Agnès Varda mit anderen gestalterischen Mitteln jeweils in ihren Filmen getan hat. Das – zeitweilige – Hineinkleben des soeben eingefangenen künstlerischen Abbilds (aber auch älterer Fotoarbeiten von Varda) in die reale Umgebung provoziert zudem die Frage nach der Funktion der Kunst in unserem Leben. Die Antwort ist hier ganz elementar: Sie zwingt uns, das Vertraute neu zu sehen und uns neu damit auseinanderzusetzen. Durch eine dieser Installationen anfänglich eher irritiert, meint ein Fabrikarbeiter: «L’art c’est fait pour surprendre.»

Undidaktisch, vielmehr mit verspielter Leichtigkeit, provoziert Visages villages solche Überlegungen. Scheinbar Disparates fügt sich zu einem Ganzen, zu einer künstlerischen Collage – gezielte «collages» in eine vorgefundene Realität sind ja JRs Installationen auch in einem ganz wörtlichen Sinn. Vieles scheint rein assoziativ, von Zufällen ausgelöst in den Film hineinzukommen. Anderes ist offenbar geplant und inszeniert. Angesichts der beharrlichen Weigerung ihres Koautors JR, seine dunkle Sonnenbrille abzulegen, muss Agnès Varda an einen Filmemacherkollegen aus jungen Jahren denken, jenen JLG, der damals radikal das Kino zu verändern trachtete und dessen stereotype dunkle Brille sie 1961 im Kurzfilm Les fiancés du Pont Mac Donald ou (Méfiez-vous des lunettes noires) verewigt hat. Eine Pilgerreise ans Ufer des Genfersees zu Monsieur Godard soll die beiden Sonnenbrillenträger zusammenführen …

Mit den Mitteln ihres jeweiligen Mediums, ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Temperamenten bestehen Agnès Varda und JR auf dem künstlerischen Recht, «de s’imaginer des choses et de partager ses idées». So wenig kohärent auf den ersten Blick die Szenen erscheinen mögen, die sie zum Film Visages villages vereinen, die mühelos fliessende Montage und die unprätentiös-beiläufigen Kommentare der beiden Filmautor_innen ziehen uns in ihre Imagination hinein und regen zum Weiterdenken ihrer Ideen an.

Martin Girod

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