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Lucky
Filmkritik Filmbulletin

Am Ende ist das Bild leer – Wüste, ein Strässchen, das sich unter den hohen Kakteen verliert. Doch etwas ist noch da: die Erwartung des Betrachters. Denn die Einstellung wiederholt die allererste des Films, und daher wissen wir, dass noch etwas kommen muss. Dann ist er wieder da, Präsident Roosevelt, den ganzen Film über schmerzlich vermisst von seinem Besitzer, der ihn schon zum Alleinerben einsetzen wollte: die kleine Landschildkröte, die «lebenslang ihren Sarg mit sich trägt», wie ein grossartiger David Lynch sagt. Von links kommt sie zurück, schliesslich ist sie gleich zu Beginn auch nach links aus dem Bild hinausmarschiert. Ein anderer allerdings ist unmittelbar davor mit einem letzten scheuen Lächeln aus dem Bild hinausgegangen, um nicht wiederzukehren. Dies im doppelten Sinn: Harry Dean Stanton, dem der Film als letzte grosse Rolle auf den dürren Leib geschrieben wurde, ist Mitte September letzten Jahres, einen Monat nach seinem 91. Geburtstag, zwei Wochen vor dem Filmstart in den USA, gestorben.

Stanton war 27 als er 1953 seine erste Rolle in einer Fernsehserie erhielt. Danach sollten über fast 65 Jahre hinweg die Auftritte auf Leinwand und Bildschirm folgen; exakt zweihundert Rollen verzeichnet die IMDb, das meiste davon Nebenrollen, kleine und kleinste. Das stille Verschwinden, die Absage an jegliche Attitüde und grosse Geste, sie haben bald einmal das Bild des Schauspielers geprägt, das ganz offensichtlich auch für den Menschen galt. Er selbst verwies gern auf den Ratschlag, den ihm Jack Nicholson, einer der engsten Freunde, bei der Arbeit zu Ride in the Whirlwind (1965) gegeben habe: selber überhaupt nichts zu tun, einfach die «Garderobe», die Ausstattung, das Erscheinungsbild die Arbeit tun zu lassen. Zur Vollendung gebracht hat er dieses Prinzip des «to be rather than to do» mit der Rolle des Travis in Wim Wenders’ Meisterstück Paris, Texas (1984). Und von diesem Travis – der, eine unendliche Traurigkeit um die Augen, auf der Suche nach der Frau, die ihn verlassen hat, durch die entleerten Landschaften von Texas irrt – sagte er später, dass er selber es sei, den er da dargestellt habe. Dieses innerste Persönliche, das hier Ausdruck fand, hatte freilich nichts zu tun mit dem Privaten, das er ängstlich schützte. Bei aller Intimität, die er in Sophie Hubers anrührendem Porträt Harry Dean Stanton: Partly ­Fiction (2012) zuliess, beharrte er auf Bereichen, über die er nicht sprechen wollte, seine traurige Kindheit in ­Kentucky zumal.

Diese Kindheit kommt nun aber in Lucky wieder­holt kurz zur Sprache. Im Licht des oben Gesagten darf davon ausgegangen werden, dass das von Kenntnis und Sympathie getragene Drehbuch von Logan Sparks und Drago Sumonja (sie beide sind wie John Carroll Lynch eigentlich Schauspieler und als solche erstmals ausserhalb ihrer Domäne tätig) reale Be­­gebenheiten resümiert. So, wenn Lucky vom «traurigsten Moment meines Lebens» spricht, als er mit seiner Luftpistole auf eine Spottdrossel geschossen hatte und darauf deren Gesang verstummt war. Episodisch-anekdotisch bleibt der Besuch in der Tierhandlung des Städtchens, in dem er täglich seine Runde dreht, wo er nach Spottdrosseln fragt. Auf die Gegenfrage, ob er ein festes Zuhause habe, sagt er in seiner unvergleichlichen, brüchig-schwebenden Sprechweise, dass nichts von Dauer sei. Ein andermal erzählt er im Diner, seinem zweiten Zuhause, von der Panikattacke, die er als Dreizehnjähriger erlebte. Davor hatte er der jungen Schwarzen, die bei ihm zu Hause vorbeischaut, ein «Geheimnis» anvertraut: «Ich habe Angst.» Dass es High Noon ist für Lucky, meldet nicht nur die Uhr an seiner Kaffeemaschine, deren rote Digitalanzeige permanent auf 12:00 blinkt: Trotz seinen morgendlichen Yogaübungen kippt er eines Tages einfach aus dem Bild – und findet sich beim Arzt wieder, der ihm aber einen ausgezeichneten Gesundheitszustand bescheinigt. Sogar das Rauchen habe ihm Dr. Kneedler erlaubt, behauptet er danach und will sich in der Bar verbotenerweise gleich eine anstecken. Lucky ist durchaus eine komplexe Persönlichkeit, sinniert und argumentiert über Wirklichkeit und Wahrheit. Altersmilde wohnt bei ihm unmittelbar neben einem Altersstarrsinn, der ihn ihm wohlgesonnene Leute beschimpfen lässt oder sie sogar zum Kampf herausfordert. «Ungatz!», ruft er, wenn ihm etwas nicht passt: «Nichts!», und bei seinem täglichen Rundgang spuckt er an einem bestimmten Ort jedes Mal ein obszönes Schimpfwort aus, von dem wir erst ganz am Schluss erfahren, was für eine (lächerliche) Bewandtnis es damit hat.

Aber natürlich formt Harry Dean Stanton eine hinreissend liebenswerte Person – sich selbst! – aus diesem alten einsamen Wolf, von schlottriger Eleganz noch in der Unterwäsche und auch da gestiefelt und mit Hut, wenn er im Garten seinen Kaktus wässert. Berührend die Begegnung mit Fred (Tom Skerritt), dem ehemaligen Marine, mit dem der einstige Navy-Angehörige in der Küche Erinnerungen über den Krieg im Pazifik austauscht. Sein Eigentlichstes aber besitzt er und drückt er in der Musik aus, im Spiel auf der Mundharmonika mit ihren verwehenden Tönen in «Red River Valley», vor allem aber im Singen, wobei ihm das Spanische noch melodiöser über die Lippen geht als das Englische. Strophe um Strophe wird er singen an einer mexikanischen Fiesta aus Anlass eines Geburtstags, schlicht, innig, herzzerreissend.

Christoph Egger

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Über Harry Dean Stanton